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Erfolgsgeschichten aus dem digitalen Musterland

Verfasst am: 06.09.2011, 12:57
Erfolgsgeschichten aus dem digitalen Musterland

von Mats Lindgren

Jahr für Jahr bestätigen es internationale Rankings: Schweden gehört im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zur absoluten Weltspitze. Und die Schweden zu den intensivsten Nutzern von Mobiltelefonen, Computern und Internet. Ganz aktuell wurde Schweden zum zweiten Mal hintereinander als Nummer eins der wettbewerbsfähigsten digitalen Wirtschaften platziert. Der hinter diesem Ranking stehende ”Global Information Technology Report” des World Economic Forum attestiert Schweden eines der innovationsfreudigsten Milieus weltweit. Beschrieben wird dort, wie die Informtionstechnologien in Schweden grundlegenden Service bieten und zugleich neue Organsiations- und Geschäfstmodelle ermöglichen und ständig neue Produkte und Dienstleistungen entstehen lassen.

Schwedens Menschen, Unternehmen und Behörden gehören stets zu den ersten, die neue technische Möglichkeiten adaptieren und nutzen. Das Bezahlen per Handy und andere SMS-Dienste sind bereits weit verbreitet und akzeptiert. Man kann ein Zugticket kaufen und sogar seine Steuererklärung als Textmeldung einreichen. Dies alles macht Schweden für internationale Konzern als Testmarkt für neue Produkte interessant; viele Multis unterhalten hier entsprechende Forschungsabteilungen. In Schweden wurden drahtlose Technologien wie GSM und Bluetooth entwickelt. Gut die Häfte der weltweiten mobilen Kommunikation läuft über Netze, die von Ericsson entwickelt wurden. Permanent entstehen neue innovative Start Ups und erobern sich Marktanteile. Und Konzerne wie HP und Microsoft schicken Talentscouts nach Schweden, um nach unternehmerisch denkenden und kompeteten Fachleuten zu suchen.

Schweden war von Anfang an dabei

Nun – dass Schweden beim Thema IKT ganz vorn liegt, ist nichts Neues. Schon 1994 schrieb der damalige Premierminister Carl Bildt in der ersten Email zwischen zwei Regierungschefs: “Sweden is – as you know – one of the leading countries in the world in the field of telecommunications, and it is only appropriate that we should be among the first to use the Internet also for political contacts and communications around the globe”.

1997 beschloss der Reichstag dann Steuererleichterungen für Privatpersonen, die sich einen PC anschaffen. Zwischen 1998 und 2001 wurden dann 850.000 PCs gekauft. Der Steuerverlust von 440 Millionen € war zweifellos eine gute Investition. Und auch beim Ausbau der Breitbandversorgung war Schweden schnell dabei. Heute haben 89 % der Haushalte Internetanschluss, und 99 % der unter 30jährigen benutzen das Internet praktisch täglich. Last but not least: In dem 9-Millionen-Einwohner-Land gibt es 12 Millionen Mobiltelefon-Verträge.

Von Skype bis Litfy

Es gibt viele schwedische IT-Erfolgsgeschichten. Eine der imposantesten ist Skype. Skype ermöglicht registrierten Benutzern weltweites kostenloses Telefonieren über das Internet sowie gegen Gebühr das Telefonieren zwischen Computer und Fest- oder Mobiltelefonen. Gegründet von Niklas Zennström und Janus Friis wurde Skype 2005 für 2,1 Milliarden € an eBay verkauft. 2010 hatte Skype 663 Millionen registrierte Nutzer.

Rasant gewachsen ist auch ClickTech. Die Firma wurde 1993 bei Lund gegründet. Heute benutzen nach Firmenangaben 21.000 Firmen in 100 Ländern die Software ”QlickView”, die schnelles und einfaches Hantieren von Daten in allen Bereichen eines Unternehmens ermöglicht. Die schnelle Verfügbarkeit von Informationen für alle, die sie im Unternehmen benötigen, haben die schwedischen Entwickler so gut gelöst, dass ClickTech inzwischen ebenfalls in amerikanischem Besitz ist.

Eine noch ganz junge Erfolgsgeschichte ist Spotify. In Schweden, das auch Weltmeister im illegalen Datentausch ist, wurde diese legale Lösung entwickelt, die heute, nur 4 Jahre nach Gründung, bereits 7 Millionen Nutzern in ausgewählten Ländern kostenlosen Zugang zu Millionen von Songs bietet. Paradoxerweise hat vermutlich die verbreitete ”Datentauschkultur” in Schweden dazu beigetragen, dass hier so viele legale Alternativen entwickelt wurden. Voddler heißt ein Angebot, das für Filme das leisten will, was Spotify für Musik organisiert. Und ganz aktuell startete mit Litfy eine entsprechende Palttform für Ebooks.

Noch ein Beispiel: Scalado wurde 2000 im Ideon Science Park in Lund gegründet. In seinem ersten Jahrzehnt hat sich das Unternehmen zu einem bekannten Akteur der Mobilfunkbranche entwickelt und Büros in Schweden, Japan, China, Korea, Taiwan und den USA eröffnet. Die Fotosoftware für Handykameras findet sich heute in mehr als 900 Millionen Geräten. Scalado hat seinen Umsatz seit 2007 jährlich verdoppelt und gehört zu den schnellstwachsendsten IT-Unternehmen Europas.

Auch in der Spieleindustrie finden sich viele erfolgreiche Schweden. Besondere mediale Aufmerksamkeit erzielte in den letzten Jahren Markus Persson. 2009 schuf er ”Minecraft”, ein Spiel mit einfacher Grundidee und Grafik. Aus einer kubischen Grundform kann der Spieler virtuell alles erschaffen, was er möchte; Häuser, Planeten oder Figuren. Das Spiel kostet 10 € und wurde bereits mehr als 3 Millionen mal verkauft.

Das schwedische App-Wunder

Noch vor wenigen Jahren gab es diesen Markt überhaupt nicht. Doch mit dem Iphone kam der Appstore, der Marktplatz für Apps, kleine Programme, die das Telefon smarter machen. Sie sind preiswert und jedermann zugänglich, die Bezahlung ist unkompliziert. Die Entwickler verdienen durch Quantität, also durch die Anzahl der Downloads. Schweden hat mehrere internationale App-Erfolge beigebracht, so dass man vom ”schwedischen App-Wunder” spricht. Und das Interesse an der Entwicklung eigerne Apps nimmt weiter zu. An Hochschulen wie der Universität Östersund und sogar am Wijmanska Gymnasium in Västerås werden App-Kurse angeboten. Bei Apple schätzt man die schwedischen Apps sehr; Steve Jobs höchtspersönlich bezeichnete das aus der Entwicklungsabteilung von Bonnier stammende App ”Mag+” zum Lesen von Zeitschriften auf dem Ipad 2010 als ”King of the hill”.

Der schwedische App-Entwickler Maciek Drejak präsentierte 2010 die App ”Sleep Cycle Alarm Clock”. Es nutzt die Sensoren des Telefons, um Schlafzyklen zu messen. Man gibt eine Weckzeit ein, legt das Telefon neben das Bett und lässt es während der Nacht die Schlafzyklen messen. Der Alarm erfolgt dann ungefähr zur gewünschten Weckzeit, aber in einem Moment, wenn der Schlaf besonders leicht ist. Im Erscheinungsjahr setzte das Unternehmen fast eine Million € um ...

iZettle ist eine weitere schwedische iPhone-App, die das Handy oder Smartphone zum Kreditkartenterminal macht. Damit können Privatpersonen oder Unternehmer Bezahlungen mit einer Kreditkarte entgegennehmen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: ohne Kartenlesegerät gibt man die Kreditkartnenummer manuell ein, mit Lesegerät erfolgt der Kauf im Prinzip wie gewöhnlich im Geschäft. Mit dem Unterschied, dass der Käufer seinen PIN-Code nicht eingeben muss, sondern von Hand auf dem Handy-Touchscreen unterschreibt. Die Einfachheit hat allerdings einen Preis, 15 Cent + 2,75 Prozent der Transaktionssumme.

M2M und IoT

IoT, Internet of Things, meint eine Infrastruktur, bei der Geräte gekoppelt werden und mit einander kommunizieren können. Viele erwarten, dass der nächste große Boom in diesem Bereich kommen wird. Ericsson will die Entwicklung dieser sogenannten M2M-Kommunikation (Machine-to-Machine) vorantreiben. Der Konzern hat die Vision von 50 Milliarden gekoppelter Einheiten im Jahr 2020. Alles, was von einer Koppelung profitiert, soll auch gekoppelt werden, sagt Ericsson. Im Februar präsentierte man die M2M-Lösung ”Ericsson Device Connection Platform”, die es Operatoren ermöglichen soll, schnell und unkompliziert Maschine-zu-Maschine-Dienste anzubieten. Der neue Dienst soll das gesamte denkbare Spektrum abdecken, von einfachen Koppelungen, bei denen ein Gerät eine sms an ein anderes schickt, bis zu komplexen Überwachungsdiensten, die Live-Videos senden. Potentielle Anwender sind zum Beispiel Unternehmen aus den Bereichen Transport, Energie und Sicherheit.

Ob dies wirklich das nächste ”dicke Ding” wird, bleibt abzuwarten. In einer so breit aufgestellten Branche mit so viel Platz für rasche Entwicklungen ist es sehr schwer, vorauszusagen, was in ein paar Monaten in aller Munde sein wird. Weniger schwer ist die Prognose, dass schwedische Unertnehmer und Programmierer auch in Zukunft viele kreative Ideen haben werden und uns aus dem Norden viel Spannendes erwartet.

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