| Verfasst am: 26.10.2011, 14:09 | |
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Dalarna – wo Schweden am schwedischten ist
Von Kristina Pezzei Dalarna, da denken die meisten erst einmal an Urlaub. Doch die Region im Herzen Schwedens ist auch Reich an wirtschaftlicher Tradition – und bereit für einen Aufbruch in die Moderne Dala-Pferd, Knäckebrot und natürlich die rote Farbe für schwedische Häuschen: Dalarna ist das Herz Schwedens. Reich an Tradition und Geschichte, lockt die Region rund um den Siljan-See indes nicht nur Touristen – auch bei Investoren und Unternehmern gelten Falun, Borlänge und Rättvik als Geheimtip. „Ich habe bei bei meiner Ansiedlung in Schweden nach etwas kleinerem als Stockholm Ausschau gehalten, mit gleichzeitig machbarer Entfernung zu Kunden in den Metropolen, und mit hohem Lebenswert“, sagt etwa der IT-Unternehmer Bart Omlo, der im vergangenen Jahr einen Standort seiner Firma Hinttech in Borlänge eröffnet hat.
Ein wirtschaftsfreundliches Klima hat sich der niederländische Enddreißiger auch noch gewünscht – nachvollziehbar, dass die Wahl seiner Familie auf Dalarna fiel: Hier ergibt sich der Unternehmergeist – wie könnte es anders sein – schon aus der Geschichte. Früher war die Region vom Bergbau dominiert; die traditionelle rote Falu-Farbe wird mit einem Pigment aus den Kupfergruben rund um Falun hergestellt und mit Öl vermischt. Der Einzelhändler Ahléns hat seine Wurzeln in der Region, genauso wie der Fachhändler Clas Ohlson. Obwohl letzterer längst nach China und Großbritannien expandiert ist, hat Ohlson seinen Hauptsitz nach wie vor in der Kleinstadt Insjön, zwischen Leksand und Borlänge gelegen. Metropolen sind überhaupt Fehlanzeige in der Region von der Größe Belgiens. Die knapp 280.000 Einwohner verteilen sich auf Kleinstädte, Dörfer und Einzelhöfe. Regionale Hauptstadt ist Falun, ein lebendiger, liebenswerter Ort mit viel Kleinhandwerk und reich an Wirtschaftsgeschichte: Vor mehr als 1.000 Jahren wurde hier mit dem Abbau von Rohstoffen begonnen. Das Industriegebiet um den „Stora Kopparberget“ ist von der Unesco zum Welterbe ernannt worden. Falun ist das administrative Zentrum der Region, mehr als 55.000 Menschen leben im Gemeindegebiet. Zu den größten Arbeitgebern zählt das Forstunternehmen Stora Enso, dessen Wurzeln teilweise in Falun liegen: Der globale Konzern ist aus dem Bergbauunternehmen Stora hervorgegangen. Die Hochschule Falun konzentriert sich auf Ausbildung und Forschung im Energiebereich, bietet aber auch ein Programm zur Spieleentwicklung an. Die Städte um den Siljansee leben hauptsächlich vom Tourismus; Dalarna ist die drittgrößte Tourismusregion Schwedens. In Leksand, am südlichen Ende des Siljan, sitzt auch die Traditionsfirma Leksandsbröd, nach wie vor am ursprünglichen Sitz im Dörfchen Häradsbygden. Das Unternehmen ist seit vier Generationen in Familienhand. Mit den 8.300 Tonnen Knäckebrot, die jährlich die Fabriktore unter dem überdimensionalen roten Pferd verlassen, deckt Leksandsbröd ein Viertel des Marktes ab. Und das Unternehmen pflegt seine Wurzeln: Im Fabrikverkauf etwa informieren große Schautafeln an den Wänden über die Unternehmensgeschichte am Standort. Im Gegenzug wurde Leksandsbröd in diesem Jahr zu Dalarnas „Firma des Jahres“ gewählt. Borlänge ist die nüchterne unter den Städten in der Region. Einer der größten Arbeitgeber für die knapp 50.000 Einwohner sind die staatlichen Firmen Trafik- und Banverket. Der regionale Flugplatz liegt ebenfalls bei Borlänge. Ein funktionales Stadtzentrum, eine Shoppingmall mit Bedeutung über die Stadtgrenzen hinaus, eine Hochschule inmitten des „Teknikdalen“, einem Forschungs- und Gründerzentrum: Hier geht es um Wirtschaft ohne viel Schnickschnack. In letzterem Zentrum hat auch der Niederländer Omlo sein Büro – ein freundlicher Neubau mit Cafeteria, in hellem Holz und Stein. Praktisch findet Omlo die kurzen Wege; praktisch ist auch sein Büro eingerichtet. Die orangenen Vorhänge sind das einzige, was an die Herkunft des Unternehmers erinnert. Die Hochschule ist breit aufgestellt. Geforscht wird etwa zu Fragen der künftigen Energieversorgung, zu regionalen Veränderungsprozessen genauso wie zur Zukunft der Stahlindustrie. Die Hochschule steht damit für das kleinteilige Profil der regionalen Wirtschaft. „An und für sich müssen wir nichts neu erfinden, sondern können mit dem arbeiten, was wir haben“, sagt Wirtschaftsförderer Johan Holmberg von „Invest in Dalarna“. So stehe die Stahlbranche vor einem Wiederaufleben, Investoren im Bereich Spezialstahl würden dringend gesucht. Holmberg redet von 1.000 Arbeitsplätzen, die in den kommenden Jahren auch etwa im Bergbau entstehen sollen. „Die bestehenden Branchen haben eine hervorragende kritische Masse – allen voran der Tourismus als unsere wirtschaftliche Basis“, so Holmberg. Der Wirtschaftsförderer ist selbst nach 13 Jahren im Ausland in seine Heimatstadt Mora gezogen. Er habe zu den Wurzeln zurückkehren wollen, dazu bot sich der attraktive Arbeitsplatz als Chef von „invest in dalarna“ an. Nun schwärmt Holmberg von den drei Skibergen hinter seinem Haus.
Die Natur lockt auch Touristen. Dalarna zählt zu den meistbesuchten Gegenden Schwedens, vor allem für Einheimische. Großer Vorteil der Region sind das Klima und die landschaftliche Vielfalt. In Dalarna gibt es vier ausgeprägte Jahreszeiten, im Winter kommen die Menschen zum Skifahren, im Sommer zum Kanufahren, Baden und Wandern. Und wer Midsommar in der Gegend rund um den Siljan feiern möchte, sollte sich die Unterkunft am besten ein Jahr vorher sichern. Auch Bart Omlo sieht in den landschaftlichen Vorzügen eine der größten Vorteile. Mit seiner Familie lebt er auf einem Gehöft in einem Dorf außerhalb von Borlänge. Die Kinder haben sich ohnehin schnell an die neue Umgebung gewöhnt, Omlos Frau arbeitet gar von zu Hause, sie hat einen Internethandel aufgebaut. Ansonsten gelte wie in anderen Regionen Schwedens: Man muss sich aktiv einbringen als Zuwanderer, dann klappt es mit der Integration. Omlo und seine Frau haben innerhalb weniger Monate schwedisch gelernt, er spricht praktisch fehlerfrei. An einer Hand zählt er auf, in welchen Vereinen er inzwischen Mitglied geworden ist, vom Rotary-Club bis zur Nachbarschaftsvereinigung. Leicht fiel ihm auch, beruflich Netzwerke zu knüpfen. „Es gibt ständig ein Businessfrühstück oder einen Lunch, Konferenzen und Tagungen, das Geschäftsleben ist unglaublich aktiv“, erzählt er. Gleichzeitig sieht der Unternehmer, dass so viel historischer, wirtschaftlicher und natürlicher Reichtum wie in Dalarna auch eine Bürde sein können. Omlo wünscht sich bisweilen, dass die Region mehr mit innovativen Wirtschaftszweiten wirbt. Er verdeutlicht das am Beispiel der Regionalmarke, einem Dalapferd auf weißem Grund. „In meiner Branche bringt das nicht so viel“, sagt er. „Ich habe internationale Kunden, die können mit dem Pferd nichts anfangen.“ Holmberg weiß um die Bedenken des niederländischen Unternehmers, er verteidigt das wirtschaftliche Symbol jedoch: „Jeder kennt das von früher, von seinen Urlauben, er verbindet das Pferd mit Dalarna – das ist für Unternehmensansiedlungen sehr wichtig.“ ![]() Holmberg möchte die Tradition gern mit der Zukunft verbinden. So plant etwa das Möbelhaus Ikea eines seiner ersten innerstädtischen Häuser, nah am Bahnhof in einem Gewerbegebiet gelegen. Ein innovatives Projekt, dem Trend weg von der „Grünen Wiese“ hin zu Shopping in der Stadt. Damit könnte Borlänge zum viel beachteten Musterbeispiel werden. Informationen über dieses innovative Konzept gibt es bislang kaum; die Wirtschaftsförderung verweist auf nicht abgeschlossene Planungen, was sie vom Marketing bisher abhalte. Bart Omlo hingegen, der Neu-Dalarna-Bewohner, wünschte sich ein forscheres Auftreten. „Das Konzept ist wirklich innovativ und neu und kann das Image der Region bereichern“, sagt er. „Warum nicht damit werben?“
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